Von Bernhard Kluge 28. April 2026
Die globale Luftfahrtindustrie hat nach einer Phase extremer Unsicherheit ihren Wachstumskurs
wieder nachhaltig aufgenommen. Der weltweite Passagierverkehr hat sich vollständig erholt, die
Flottenauslastung steigt kontinuierlich an und der Bedarf an neuen, weitaus effizienteren
Flugzeugen bleibt ungebrochen hoch. Diese strukturelle Normalisierung gibt der gesamten Industrie
die notwendige langfristige Planungssicherheit für anstehende Investitionsentscheidungen
zurück.
Die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie verzeichnete im Jahr 2025 einen starken Branchenumsatz
von rund 42 Mrd. €. Nach einem durchschnittlichen jährlichen Marktwachstum von 4,3 % zwischen
2020 und 2025, wird für den Zeitraum bis 2031 ein weiteres solides Wachstum von durchschnittlich
5,9 % pro Jahr prognostiziert.
Die zivile Luftfahrt dominiert mit einem Marktanteil von 63,2 % das Branchengeschehen. Ein zentraler Wachstumstreiber ist die Expansion der Low-Cost-Carrier (LCCs), die konsequent auf Flottenvereinheitlichung und Betriebseffizienz setzen. Die Nachfrage konzentriert sich massiv auf energieeffiziente Mittelstreckenflugzeuge wie die Airbus-A320-Familie.
Für den deutschen Zuliefermittelstand bedeutet dies stabile Volumina durch Serienfertigung sowie steigende Anforderungen an Standardisierung und Gewichtseffizienz. Dies stärkt die Position hochspezialisierter KMU nachhaltig.
Neben dem zivilen Wachstum gewinnen Defence- und Raumfahrtprogramme mit 24,7 % Marktanteil und 12,1 % als struktureller Nachfragepuffer massiv an Bedeutung. Stetig steigende Verteidigungsbudgets, die in Europa durch die veränderte Sicherheitslage zusätzlich beschleunigt werden, schaffen eine verlässliche und langfristige Auftragssicherheit.
Diese Entwicklung kompensiert zyklische Schwankungen des kommerziellen Luftfahrtmarkts wirkungsvoll und bietet breit aufgestellten Komponentenherstellern, die beide Segmente bedienen können, eine strukturell deutlich widerstandsfähigere Auftragsbasis.
Die globale Zivilluftfahrt wird strukturell durch das Duopol von Airbus und Boeing dominiert. Anhaltende Qualitäts- und Programmherausforderungen des US-Herstellers bewirken aktuell eine signifikante Nachfrageverschiebung zugunsten von Airbus. Diese Dynamik festigt die Marktführerschaft von Airbus und wertet die Relevanz des deutschen Zulieferstandorts auf.
Die aktuelle Auftragslage des Duopols ist historisch: Airbus verfügte im ersten Halbjahr 2025 über einen Auftragsbestand von mehr als 8.700 Verkehrsflugzeugen, was rechnerisch einer Produktionsauslastung von mehr als zehn Jahren entspricht. Diese theoretisch außergewöhnlich hohe Planungssicherheit für die gesamte Zulieferkette übersetzt sich in der Praxis in einen erheblichen Produktionsdruck.
Um die ambitionierten Endmontageziele zu halten, ist der Erstausrüster zwingend auf die pünktliche und zertifizierte Lieferung der vorgelagerten Industrie angewiesen. Dies verdeutlicht das Ausmaß der industriellen Abhängigkeit: Ein modernes Verkehrsflugzeug wie der A320 besteht aus rund drei Millionen Einzelteilen, wovon etwa 60 Prozent von hochspezialisierten externen Zulieferern gefertigt werden.
• Strukturelles Fundament: Entgegen der amtlichen Statistik, die lediglich 107 Kernunternehmen des direkten Flugzeugbaus erfasst, wird das industrielle Rückgrat der Branche in Deutschland von ca. 1.100 luftfahrtrechtlich zertifizierten (nach EN 9100) Betrieben gebildet
• Kritische Wertschöpfung: Diese Unternehmen übernehmen als System-, Komponenten- und Präzisionsteilehersteller hochkomplexe Fertigungsschritte und sind damit unverzichtbarer Bestandteil des industriellen Hochlaufs
Die industrielle Leistungsfähigkeit der Luftfahrtindustrie basiert auf einer hochgradig arbeitsteiligen Struktur, wobei über 1.100 zertifizierte Unternehmen in Deutschland das industrielle Fundament bilden. Da die Erstausrüster ihre eigene Fertigungstiefe konsequent reduziert haben, entfällt der Großteil der Wertschöpfung auf die spezialisierte Vorfertigung von Komponenten und Präzisionsteilen. Der wirtschaftliche Erfolg der gesamten Branche hängt somit unmittelbar von der operativen Skalierungsfähigkeit des Mittelstands ab. Die Marktstellung dieser Betriebe wird durch außerordentlich hohe regulatorische Anforderungen und langjährige Zertifizierungsprozesse gesichert, was eine strukturell hohe Wettbewerbsstabilität gewährleistet. Diese spezialisierten Kapazitäten konzentrieren sich geografisch primär auf die etablierten Luftfahrtcluster in Hamburg mit 27 Prozent sowie in Bayern und Baden-Württemberg.
OEMs setzen Zahlungsziele von 90 bis 120 Tagen durch, was den Mittelstand zur systemischen Vorfinanzierung des Branchenwachstums zwingt und die Liquidität im Produktionshochlauf massiv belastet.
Der akute Mangel an hochqualifiziertem Fachpersonal begrenzt den notwendigen industriellen Hochlauf, da vorhandene Maschinenkapazitäten aufgrund personeller Vakanzen nicht voll ausgelastet werden können.
Jährliche Bürokratiekosten von rund 61 Milliarden Euro in Deutschland sowie komplexe EN-9100-Zertifizierungen binden erhebliche Managementressourcen und belasten die ohnehin geringen EBIT-Margen.
Geopolitische Spannungen und potenzielle handelspolitische Restriktionen wie US-Strafzölle erhöhen die Kostenrisiken in der Beschaffung und zwingen Unternehmen zu einer kapitalintensiven Bevorratung.
Die Erholung der Luftfahrtindustrie spiegelt sich unmittelbar in den Bewertungsniveaus wider. Reine Luftfahrtzulieferer stabilisierten sich im Verlauf 2025 bei 17,0x EV/EBITDA und haben nach der Volatilität der Jahre 2020 bis 2022 ein neues, gefestigtes Bewertungsniveau. Großkonzerne mit Verteidigungsanteil holten ihren Bewertungsabschlag vollständig auf und notieren auf vergleichbarem Niveau. Unternehmen mit starker OEM-Programmpositionierung und technologischer Spezialisierung erzielen dabei konsistent Bewertungsprämien gegenüber dem breiten industriellen Mittelstand.
Der Median der untersuchten Transaktionen aus den Jahren 2023 bis 2025 liegt bei 12,9x EBITDA. Für spezialisierte Komponentenhersteller bedeutet dies, dass selbst mittelständische Betriebe in einem aktiven Marktumfeld substanzielle Unternehmenswerte realisieren können. Besonders honorieren Käufer technologische Marktführerschaft und starke OEM-Programmpositionierung mit entsprechenden Bewertungsaufschlägen. Die Übernahme von TriMas Aerospace zu 18,0x sowie der Erwerb der Steuerungssysteme-Sparte von Collins Aerospace durch Safran zu 14,0x markieren das Bewertungsspektrum, während selbst kleinere Carve-outs wie Senior Aerostructures mit 12,1x deutlich über dem historischen Mittelstandsdurchschnitt liegen.
Transaktionslogik
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